Adolf Michel (Vater), vom Jüngling bis 1913

Adolf Michel als Lehrling in CouvetNach dem Schulaustritt machte Adolf Michel (*1865 – 1928) in Couvet eine Lehre als Mechaniker.

In Couvet gab es im industriellen Sektor verschiedene Betriebe, welche Uhrenwerkzeuge, Pendulen und Fournituren herstellten sowie die Firma Edouard Dubied, welche ab 1867 als erste Fabrik in Europa Strickmaschinen nach einem Amerikanischen Patent fabrizierte.

Noch in den Jünglingsjahren errichtete er ein Atelier in einer alten Messerschmiede, wo er Uhrenschalen oxidierte. Später befasste er sich mit der Herstellung von Zifferblättern.

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Rechts Adolf Michel als Jüngling in einem Uhrenatelier [Ebauches-Zeitung]
1888 heiratete Adolf Michel Elisabeth Vogt, sie war gerade 20 Jahre alt, in und von Grenchen.

Adolf Michel quer

Einige Jahre verbrachte er zur Weiterbildung in Saint-Imier und vom 10. Februar 1890 an in La Chaux-de-Fonds. Er war als Mechaniker eingetragen und wohnte an der Rue de la Place d’Armes 12a, danach auch an der Rue de l’Hôtel-de-Ville 9a. Dort kam auch sein zweites Kind, die Tochter Aline Martha, meine Grossmutter, zur Welt.

Es ist möglich, dass Adolf Michel bei einem gewissen Uhrmacher Alexis Monnier arbeitete, welcher im Haus Rue de la Place d’Armes 12a sein Geschäft betrieb. Am 23. Oktober 1891 wurde der Heimatschein von Adolf Michel nach Grenchen gesandt, was impliziert, dass er bereits wieder in Grenchen wohnte.

Mit einer fundierten Ausbildung kam Adolf Michel also nach Grenchen zurück. Per 1. Oktober 1891 bildeten Jean Aumann von Leutkirch (Württemberg), Alfred Hofer von Nennigkofen und Adolf Michel von Bönigen, alle in Grenchen wohnhaft, eine Kollektivgesellschaft unter der Firma Aumann & Cie. Die Vertretung der Gesellschaft nach Aussen geschah durch die Gesamtheit der Geschäftsteilhaber mit Kollektiv-Zeichnung. Ziel des Geschäftes war die Fabrikation von Pendants (In den Taschenuhren ist der Bügel, das oben auf dem Gehäusemittelteil  des Uhrgehäuses befestigte Organ. Es wird durch die Aufzugkrone und den Bügelring ergänzt). Das Atelier befand sich im Gebäude Nr. 405 an der unteren Bündenstrasse , heute Viaduktstrasse 14

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Die untere Bündenstrasse vor dem Bau der Bahnlinie Lengnau-Münster [Wasserversorgungsplan, Stadtarchiv Grenchen]
1893 musste die Firma aufgelöst werden, da das Fabrikgebäude abbrannte und die Firma in der Folge Konkurs ging.

Nun hatte Adolf Michel auch die Kenntnisse zur Herstellung von Pendants für Uhrengehäuse 1896 baute er an der Schützengasse 65 ein dreistöckiges Wohnhaus mit Werkstatt. Die zwei unteren Stockwerke dienten als Atelier, das oberste Stockwerk als Wohnung (untenstehendes Foto, mittleres Gebäude).

Ansicht Schützengasse

[Heimatsammlung Hans Kohler]

Adolf Michel verkaufte das Haus am 28.06.1905 – nachdem er die „Villa Michel“ erstanden hatte – an Heinrich Hächler-Rohr. Adolf Wyss und Heinrich Hächler gründeten und betrieben dort unter der Firma Wyss und Hächler eine Kollektivgesellschaft zur Fabrikation von Balancen (die Unruhe der Uhr). 1939 bauten Ernst und Oskar Hächler das Erdgeschoss auch zu einer Wohnung um.

[Foto Hächler]

Das Gebäude blieb äusserlich während mehr als 100 Jahren praktisch unverändert und wurde nach dem Bau des neuen Wohnhauses abgerissen.

1898 eröffnete Adolf Michel im benachbarten Lengnau im Gebäude N° 10 (heute Kändlenstrasse 15, wo noch ein altes Fabrikgebäude steht) ein Atelier für Roskopf-Rohwerke. Ein Rohwerk besteht aus der Werkplatte und den Brücken (Kloben) ohne bewegliche Teile. 1901 gingen Adolf Michel und Jean Schwarzentrub von Grenchen unter der Firma „Ad. Michel & Cie, Ebauches-Fabrik in Lengnau“, eine Kollektivgesellschaft ein. Zur Vertretung der Firma war einzig Adolf Michel befugt. Erstaunlicherweise hatte Adolf Michel 1902 dort bereits einen von vier Telefonanschlüssen in Lengnau. In Grenchen hatte er erst ab 1915 einen Anschluss (Nr. 29).

Durch die 1866 auf den Plan getretene Roskopfuhr war der Nachweis geleistet, dass es bei strikter Beschränkung auf das unumgänglich Notwendige und unter Verzichtsleistung auf jede ästhetische Wirkung möglich sei, eine gutgehende Uhr zu einem auch allgemein erschwinglichen Preise herzustellen“ [Die schweizerische Uhrenindustrie, ihre geschichtliche Entwicklung und Organisation. A. Pfleghart, 1908, Seite 53].  

Adolf Michel war es wohl bewusst, dass er mit seinem „Traum“ unten anfangen musste!

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Gebäude 10a in Lengnau (Foto: U. Roth, 1919)

Am 26. Juni 1903 wurde die Fabrikation nach Grenchen verlegt und der Geschäftszweck abgeändert in „Fabrikation von Ebauches“, das heisst, dass nicht mehr nur Roskopf-Rohwerke fabriziert werden sollten. Der nächste Schritt war wohl der Einstieg in die Produktion von Zylinderwerken.

IMG_8287 Wasserversorgung Zentrum

Zu diesem Zweck erwarb Adolf Michel die Fabrik von Adolf Girard (im obigen Plan das Gebäude N° 316, heute Centralstrasse 8) und erweiterte diese Richtung Osten zum  Marktplatz hin.

Das Gebäude war 1873 von Euseb Girard erstellt worden. Sein Sohn Hermann betrieb hierauf in diesem Gebäude die Bierfässlifabrikation. Adolf Girard übernahm dann 1875 die beiden Fabriken seines Vaters und  führte auf dem Platze Grenchen die Fabrikation der Roskopfuhren ein. Doch wurde der Betrieb zu wenig modernisiert und es erfolgte deshalb 1903 die Stilllegung des Geschäftes.

[Heimatsammlung Hans Kohler]

Auf dem ersten Foto ist die Fabrik rechts als weisses, dreistöckiges Gebäude von Süden gesehen; auf dem zweiten Foto ganz rechts ist die erweiterte Fabrik von Osten vom Marktplatz her zu sehen.

Bereits 1904 verkauft Adolf Michel die Fabrik an Albrecht Hugi & Cie, Ebauches-Fabrik, und wechselt von der Dorfmitte an die Schützengasse in die ehemalige Fabrik von Jean Schwarzentrub. Gründe für diesen Wechsel könnten die engen Platzverhältnisse und wenig Landreserven mitten im Dorfkern oder ein gutes Angebot für die neue Liegenschaft gewesen sein.

Im August 1905 konnte Adolf Michel die Liegenschaft an der Schützengasse von seinem umtriebigen Schwager Arnold Niederhäusern, Buchdrucker in Grenchen, welcher an der vorherigen Pendantfabrik Steiner & Co. beteiligt war, zu Eigentum erwerben. Zur Fabrik mit 500 m2 Produktionsfläche, ausgerüstet mit Dampfmaschine und Transmissionen, gehörte auch das Wohnhaus, welches um 1895 von Baumeister Felix Jecker für Jean Schwarzentrub und Hulda Grünberg erbaut worden war.

Bis um 1875 siedelten sich die Ateliers und Fabriken am Energiestrang des Dorfbaches an und beanspruchten in der Folge auch den Platz des alten Mühlenbezirkes. Die Dampfmaschine, thermische Motoren und ab 1900 der elektrische Strom ermöglichten dann die freie Verteilung der Produktionsstätten. Dies war auch die technische Voraussetzung, dass eine Fabrik an der Schützengasse betrieben werden konnte.

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[Foto von 1909, Heimatsammlung Hans Kohler]
Mitte links die „Villa Michel“, rechts das Fabrikgebäude Schützengasse 32 mit der ersten kleinen Erweiterung Richtung Westen für den Dampfantrieb.

Einige Firmen, wie z.B. die A. Michel SA, die abseits von Wasserläufen standen oder verzweigt und mehrstöckig waren, richteten eine Dampfmaschine mit Transmission ein. Mit der ersten Juragewässerkorrektion entstand das erste grosse Stromkraftwerk in der Umgebung von Grenchen. Die Uhrenfirmen wechselten allmählich zum Elektroantrieb. Dazu verbanden sie einen Elektromotor mit der Transmission. Die bestehenden thermischen Motoren kamen bei den damals häufigen Stromausfällen weiter zum Einsatz und blieben deshalb noch einige Jahre als Reservesystem mit der Transmission verbunden.

Mitte 1906 wird die Kollektivgesellschaft Ad. Michel & Cie aufgelöst, Jean Schwarzentrub tritt aus der Firma aus und Adolf Michel lässt eine Einzelfirma für die Fabrikation von Ebauches eintragen.

Schon 1876 anlässlich der Weltausstellung in Philadelphia wurde den Schweizer Uhrenproduzenten vor Augen geführt, wie rationell die Amerikaner produzierten und dass eine maschinenmässige Produktion unabdingbar war…..Die Gunst des Publikums hat sich je länger je mehr in ganz entschiedener Weise den billigen Uhren zugewandt…Die Bevorzugung der billigen Uhren kam beinahe ausschliesslich der fabrikmässigen Produktion zu statten… [Die schweizerische Uhrenindustrie, ihre geschichtliche Entwicklung und Organisation. … A. Pfleghart, 1908]. 

Am Jurafuss konnte sich die maschinelle Produktion gut entwickeln, da wenig ältere kleingewerbliche, beharrende Strukturen vorhanden waren. Die Widerstände gegen die Einführung von Fabriken waren daher gering. Emil Michel, der 10 Jahre ältere Bruder von Adolf, war 1880 nach Ohio USA ausgewandert und wird die Familie über die Produktionsmethoden in Amerika informiert haben. Adolf Michel entwickelte daher auch eigene Maschinen. Zudem setzte er schon früh auf die Auswechselbarkeit der Uhrenbestandteile und auf die damit einhergehende bessere Qualität.

Von 1897 bis 1906 stieg der Uhrenexport stark an. Die Steuer brachte 1906 rund 94‘000 Franken in die Gemeindekasse und am Ende des Jahres belief sich das Vermögen der Gemeinde auf 371‘400 Franken.

Erstmals lag 1906 eine Statistik über die Arbeitnehmenden vor. Nach dieser zählten die Uhrenfabriken Gebr. Schild & Cie. sowie A. Obrecht & Cie. je 500 und die Firma Adolf Schild 362 Arbeitnehmende. Es folgten die Société AG mit 200, die Firma E. Obrecht-Hugi mit 100, Gebr. Baumgartner („Baumi“) mit 84 und Seraphin Lambert mit 64 Arbeitnehmenden. Die Firma der Gebr. Girard verzeichnete 60, die Gebr. Kurth 59 und Adolf Michel weitere 46 Arbeitnehmende.

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Reklame im Davoine 1908

Interessant ist, dass in dieser Reklame die Produktion der Roskopfwerke nicht erwähnt wurde.

1911 beschäftigt Adolf Michel 200, 1913 schon 300 Personen und konnte bis 4000 Uhrenrohwerke pro Tag herstellen. In der Grenchner Uhrenindustrie wurden zur selben Zeit 4000 Mitarbeiter beschäftigt.

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Reklame im Davoine 1913

Die ab diesem Zeitpunkt erfolgten Fabrikerweiterungen, Filialen und Villa werden im Kapitel Uhrenfabrik Adolf Michel beschrieben.