Adolf Michel (Vater) 1913 bis 1920

Die nächsten Jahre waren von vielen Ereignissen politischer, wirtschaftlicher und familiärer Art geprägt.

Am 11. September 1913 heiratet die älteste Tochter Aline Martha, geboren am 19. Oktober 1890 in La Chaux-de-Fonds, Walter Roth, geboren am 27. Juni 1885 in Grenchen und gebürtig in Welschenrohr SO. Walter Roth ist der einzige Sohn des allseits bekannten Primarlehrers Urs Roth in Grenchen. Im Christkatholischen Kausalienbuch wurde als Beruf von Walter Roth „Agent“ angegeben. Für Aline Martha Michel wurde als Wohnsitz La Chaux-de-Fonds angegeben, was die Vermutung bestätigen würde, dass sie dort als Uhrmacherin gearbeitet hat.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist hochzeitsfoto-roth-michel-1913-hell.jpg.
Hochzeit Walter Roth mit Martha Michel 1913 im Restaurant Attisholz Bad. In der Mitte das Hochzeitspaar, links davon Lehrer Urs Roth, rechts davon Adolf Michel Senior, davor wohl die Ehefrauen der beiden, Anna Roth-Häfeli (1861-1935) und Elisabeth Michel-Vogt (1868-1919). Weitere Personen: Ganz links hinten: Aline Weingart-Michel (1871-1965), zweite von links: Maria Emilia Michel-Fluri (1841-1935), vor dem Pfeiler mitte: Adolf Michel Junior (1889-1955), hinten rechts neben dem Pfeiler: Paulina Niederhäuser-Michel (1864-1936) und hinten mitte Arnold Niederhäuser-Michel (1863-?), vierter von rechts hinten: Adrian-Othmar-Michel (1877-1956).

Der Lohn als Lehrer war sehr niedrig. Das Doppelverdienen und ein grosser Hausgarten war damals bittere Notwendigkeit, besonders für Schulmeister und andere Gemeindean-gestellte [Bauerndorf wird Industriestadt, S.36].

Urs Roth war daher gezwungen, einem Nebenverdienst nach zu gehen. Diese fand er im aufkommenden Versicherungswesen: Die « Schweizerische Unfallversicherungs-Aktiengesellschaft in Winterthur » verzeigt hiemit das Rechtsdomizil für den Kanton Solothurn bei Herrn Urs Roth, Lehrer, in Grenchen, an Stelle des Herrn Fr. Allemann, Lehrer, in Solothurn. Winterthur, den 11. Juni 1895 [SHAB 18.06.1895]. Diese Nebentätigkeit übte er bis 1921 aus.

Der Sohn Walter Roth hat vermutlich eine Lehre als kaufmännischer Angestellter gemacht. Walther Roth, von Grenchen, war von April 1904 bis Ende Januar 1907 im Dienst der Gesellschaft „Winterthur“ mit Buchhaltungs- und Controllarbeiten beschäftigt. Danach wechselte er wahrscheinlich zur Agentur in Grenchen, in den Jahren 1911 bis 1914 wird diese als Agentur Urs Roth & Sohn bezeichnet [Unternehmensarchiv AXA-Winterthur].

Die oben erwähnte Berufsangabe „Agent“ war also korrekt. 1914 wird Walter Roth in die Fabrik von Adolf Michel eingetreten sein und sich vorab mit der Buchhaltung befasst haben.

Wie viele andere Schweizer Uhrenfabrikanten aus Genf, La-Chaux-de-Fonds, Le Locle, Saint-Imier und Grenchen bezog Adolf Michel Triebe und Zahnräder von der „Manufacture de pièces détachées pour horlogerie » François Dancet aus Marnaz bei Cluses im Vallée de l’Arve. Von den Firmen sind insbesondere bekannt: La fabrique de Sonceboz, Ad. Girard, P. Obrecht, Grenchen, Ed. Kummer von Bettlach [L’entreprise Dancet (Julie Charpentier, Université Pierre Mendès France, Grenoble II 2001/2002)].

Auch Adolf Michel war Abnehmer bei Fr. Dancet wie die nachfolgend dargestellte Postkarte zeigt:

Der Bezug von Uhrenteilen aus Frankreich war sicher sehr umständlich und mit Zeitverlusten verbunden. Nicht zuletzt dies dürfte zum Kauf der Pignonfabrik in Lamboing geführt haben.

Der Streik von 1914

Der Industrieverband der Uhrenarbeiter

Seit der grossen Aussperrung der Uhrenarbeiter am Leberberg (im Jahre 1894), durch die die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter für viele Jahre zerstört worden war, hatten die Fabrikanten ein autoritäres Regiment eingeführt, das die Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmung ausserordentlich schwierig gestaltete. Die Verhältnisse sind derart gespannte, dass der kleinste Anlass genügt, um Reibungen zu erzeugen, die wie ein Funken im Pulverfass wirken.

Erst vor drei Jahren gelang es, in der Gegend wieder eine lebensfähige Organisation ins Leben zu rufen. Gleich zu Anfang musste der Kampf ums Vereinsrecht mit den Unternehmern wieder aufgenommen werden. So wurde in einer Fabrik in Grenchen drei Wochen lang gestreikt, weil die Fabrikherren zirka 70 Arbeiter und Arbeiterinnen, die sich der neugegründeten Organisation angeschlossen hatten, massregeln wollten. Der Streich der Unternehmer misslang diesmal. Seither haben die Fabrikanten die Gewerkschaft geduldet und mehr oder minder gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Die Beziehungen zwischen Gewerkschaft und Fabrikanten blieben stets gespannte, wenigstens soweit das Gebiet des Solothurner Jura in Frage kommt.

Die Herrschsucht der Fabrikanten, das autoritäre Auftreten, an das sich diese gewöhnt hatten, und die Ausbeutung der Arbeiter, die den Fabrikanten ermöglicht hatte, in kurzer Zeit grosse Vermögen zusammenzuraffen, das alles stiess plötzlich auf den Widerstand der Gewerkschaft. Es war nicht schwer, die Möglichkeit eines Konfliktes vorauszusehen.

Die Leitung des Uhrenarbeiterverbandes war stets bestrebt, einem entscheidenden Kampf auszuweichen; sie suchte ohne offenen Konflikt den Rechten der Arbeiter Geltung zu verschaffen. Inzwischen sind besondere Ereignisse eingetreten, die rasch den Dingen eine schärfere Wendung gaben.

Seit mehr als zwei Monaten stehen über 200 Uhrenarbeiter in Waldenburg im Streik und nun kommen neue Kämpfe in Solothurn und Grenchen.

In Solothurn hat die Gewerkschaft seit zwei Jahren grosse Fortschritte gemacht, indem die Arbeiter und Arbeiterinnen der verschiedensten Branchen sich der Organisation angeschlossen haben. Während die Mehrzahl der in Betracht kommenden Fabrikanten sich mit den neuen Tatsachen abgefunden haben, verfielen einzelne auf die Idee, durch Massregelungen die Entwicklung der Gewerkschaften aufzuhalten. So mussten die Ebauchearbeiterinnen der Firma Meyer & Stüdeli aus dem bezeichneten Grunde in Streik treten. Die Remonteure dieser Fabrik sind leider nicht organisiert und haben daher den Streik nicht mitgemacht. Die Sache ist an sich nicht sehr schlimm, weil die Remonteure die Ebauchearbeiten (Rohwerk) nicht selber machen können und daher bald auch die Arbeit einstellen müssen, wenn der Fabrikant seine Rohwerke nicht von auswärts beziehen kann. Im Allgemeinen hält es schwer, Rohwerke der besonderen Kaliber von anderen Fabriken zu bekommen, weil hierfür besondere Einrichtungen notwendig sind. In diesem Fall war dies möglich und zwar mit Hilfe der Fabrik Michel in Grenchen, die seinerzeit der Firma Meyer & Stüdeli alle Rohwerke lieferte, also im Besitz der nötigen Einrichtungen sich befand. Die Lieferung von Streikarbeit und ausserdem Differenzen wegen vier Arbeitern bilden die Ursache des Konfliktes mit der Firma Michel in Grenchen, für die inzwischen der Fabrikantenverband eingesprungen ist, indem er die Aussperrung von zirka 1800 bis 2000 Uhrenarbeitern in Grenchen, Solothurn und Umgebung angeordnet hat. …. Man darf auf den Ausgang des Konflikts mit Recht gespannt sein [Gewerkschaftliche Rundschau für die Schweiz, 1914 – Nr. 1]

1914 war die Michel AG der Ausgangspunkt des vom 24. Januar bis 9. Mai 1914 dauernden Streiks von 2‘000 Uhrenarbeitern, bzw. deren Aussperrung durch die Grenchner Fabrikanten. Es war ein erbitterter Arbeitskampf mit Provokationen hüben und drüben; u.a. wurde Michel jun. Von Streikposten verprügelt, worauf Michel sen., seinem Sohn zu Hilfe eilend, mit einer Waffe aufkreuzte. Denn eine revolutionäre Stimmung lag in der Luft. Der Regierungsrat beorderte sogar Truppen nach Grenchen. Der Streik endete mit einem halben Sieg der Arbeiter. Endlich wurden die Gewerkschaften anerkannt, aber 1‘000 ausgesperrte Arbeiter fanden keine Arbeit mehr.

Die Aussperrung 1914. Die Firma A. Michel in Grenchen lag im Streite mit vier Découpeurs, die Stücklohn entgegen dem bisherigen Taglohn forderten. Es wurde im Dezember 1913 eine Einigung in dem Sinne erzielt, dass Michel diese vier Arbeiter am Taglohn weiter beschäftige und keine Repressalien ergreife. Nachdem Michel den Arbeitern eröffnete, dass sie am Taglohn weiter arbeiten sollen, reichten diese die Kündigung ein, die von Michel angenommen wurde. Nach dem Abgang dieser vier Arbeiter verhinderte das Arbeitersyndikat den Zuzug auf diese Partie und untersagte den in der Fabrik Michel beschäftigten Leuten, auf diesen Maschinen Arbeit zu nehmen. Die Folge davon war, dass Michel mit eigenem Personal diese Partie des Découpage machen musste, und zwar während etwa fünf Wochen. Erst als der Arbeiterorganisation zur Kenntnis kam, dass die Fabrik Michel trotz ihren Massregeln gleichwohl arbeiten konnte, beorderte sie die Kündigung der 140 Arbeiter. Man wünschte nun die Intervention der Regierung von Solothurn, indem eine Konferenz der beiden Parteien klärend wirken sollte. Die Konferenz fand statt. Der Einigungsvorschlag der Regierung lautete folgendermassen: Das Recht der Firma A. Michel in Grenchen, die einzelnen Découpeurs nach ihrem eigenen Ermessen im Taglohn oder im Akkord zu beschäftigen, wird durch die Arbeiterschaft anerkannt.

Die Firma Michel erklärt sich jedoch bereit, sämtliche bei ihr beschäftigten Découpeurs, sofern diese es wünschen, fortan einheitlich nach dem Taglohnsystem zu honorieren. Die Firma A. Michel verpflichtet sich, die vier ausgetretenen Découpeurs zu den früheren beim Austritt gültig gewesenen Arbeitsbedingungen neuerdings anzustellen. Die Vertreter der Arbeitnehmer verpflichteten sich, diejenigen Arbeiter der Firma A. Michel, welche am Samstag den 17. Januar 1914 auf 14 Tage gekündigt haben, zur sofortigen, vor Samstag den 24. Januar 1914  vorzunehmenden Zurückziehung der Kündigung zu veranlassen. Die Fabrikanten nahmen den Vorschlag an. Die Arbeitervertreter aber konnten sich zur Annahme nicht entschliessen und wünschten Aufschub, um in einer Arbeiterversammlung die Angelegenheit nochmals zu besprechen. Die Frist zur Einreichung der Antwort wurde von der Regierung auf Freitag den 23. Januar 1914 festgesetzt. Zum Schluss erklärten die Fabrikanten, dass eine Ablehnung der Vereinbarung sofortige Aussperrung der organisierten Arbeiter in allen Betrieben zur Folge haben werde. Die Frist verstrich ohne Antwort und so erfolgte auf den 24. Januar die Aussperrung, wovon zirka 2000 Arbeiter betroffen wurden. Den Ausgesperrten sprach das Syndikat eine Tagesentschädigung von Fr. 3 .— und für jedes Kind 30 Rappen zu.

Am 10. Februar 1914 ging beim Handels- und Industriedepartement ein Schreiben des Ammannamtes von Grenchen zu, in welchen der Regierungsrat eingeladen wurde, er möchte die Parteien verpflichten, eine neue Konferenz zu beschicken und als Basis der Verhandlungen den Vergleichsvertrag vom 21. Januar 1914 sowie den vorige Woche vom Ammannamt eingereichten in Erwägung und Behandlung zu ziehen. Der Regierungsrat nahm in seiner Sitzung vom 12. Februar 1914 die Anregung des Ammannamtes entgegen, beschloss jedoch in Berücksichtigung der bestimmten Ablehnung des Fabrikantenverbandes, vorläufig auf keine weiteren Verhandlungen einzutreten. Er beauftragte aber das Handels- und Industriedepartement, die Arbeiterschaft zu befragen, welche Vorschläge zu einer Einigung sie zu machen in der Lage wäre…

Der Bemühungen der vom Gemeinderat eingesetzten Kommission und des Regierungsstatthalters Wysshaar in Biel ist es schliesslich zu verdanken, dass endlich der Kampf zwischen Fabrikanten und Arbeiterschaft, der während 13 Wochen mit Erbitterung geführt wurde, beigelegt werden konnte.

Die Vereinbarung vom 13. Mai 1911 in Bezug auf das Verhältnis und die grundsätzliche Stellung der Verbandsfabriken zur syndizierten Arbeiterschaft wird nach wie vor als verbindlich anerkannt. Die Fabrikanten sichern die Wiedereinstellung der Arbeiter soweit zu, als die veränderten tatsächlichen Verhältnisse es erlauben, wobei nach Möglichkeit verheiratete Arbeiter bevorzugt werden….. Am 11. Mai 1914 konnten vorläufig 800 Arbeiter wieder eingestellt werden, denen im Verlaufe der folgenden 14 Tage noch weitere folgten…. Bis Mitte Juni waren zirka 1000 Mitarbeiter wieder beschäftigt. Die auswärtigen Geschäftsgründungen zogen die Wiedereinstellung in die Länge, so dass die Wunden des grossen Kampfes nur langsam vernarbten [Heimatbuch Grenchen, S. 261-262].

Mit den „auswärtigen Geschäftsgründungen“ waren wohl die neuen Filialen ausserhalb des Kantons Solothurn gemeint wie die Filialen in Lamboing und Walde.

Dieser lange Streik hatte nicht nur Spuren in der Arbeiterschaft hinterlassen. Auch die Fabrikanten mussten den Gürtel enger schnallen. So musste Adolf Michel die Gemeindesteuern für das Jahr 1913 im Betrag von 2’374 Franken in vier Raten abstottern [Grenchner Stadtarchiv].

Der erste Weltkrieg

Knapp 3 Monate nach dem Ende des Streiks war in Grenchen der Alltag noch nicht eingekehrt und schon drohte neues Ungemach: Am 1. August 1914 begann der erste Weltkrieg.

Bei Ausbruch des grossen Weltkrieges (am 1. August 1914 hatte Deutschland Russland den Krieg erklärt) entstand in Grenchen grosse Arbeitslosigkeit, in dem die meisten Geschäfte den Betrieb stilllegen mussten. Die Gemeinde war genötigt, eine umfangreiche Fürsorge (Suppenküchen, Besorgung von Lebensmitteln) einzurichten. Langsam verbesserte sich die Lage wieder und im Jahre 1915 erfreuten sich die Metallindustrien eines ausge-zeichneten Geschäftsganges. Die Uhrenindustrie hatte ausschliesslich Nachfrage nach billigen Uhren; hauptsächlich waren die Armbanduhren von den im Felde stehenden Soldaten recht begehrt. Für die bessere Uhr bestand nur eine bescheidene Nachfrage. Die günstige Konjunktur veranlasste hiesige Geschäfte zur Vergrösserung der Betriebe. Auch die Maschinenindustrie wies einen guten Beschäftigungsgrad auf, und zwar auch solche Geschäfte, die sich nicht mit Kriegslieferungen betätigten. Im ersten Kriegsjahr fiel der Export auf 120,8 Millionen und erreichte im letzten Kriegsjahr 1918 215,4 Millionen. [Heimatbuch Grenchen, S. 263].