Grenchen

Das arme Bauerndorf Grenchen entschied 1851, nachdem Strohflechterei und Posamenterie wenig Erfolg brachten, die Uhrmacherei einzuführen.  1852 wurde zudem von der Gemeinde beschlossen, für jeden Fabrikneubau Bauholz abzugeben. Bereits im Jahre 1852 wurde die erste Roh- und Triebwerkfabrik in Grenchen gegründet. Auch Fachleute aus dem Jura wurden nach Grenchen gelockt.

Mathäus Michel, welcher zu jener Zeit in Biel arbeitete, folgte also dem Rufe Grenchens. Am 15. März 1852 kaufte Mathäus Michel die Parzelle N° 1848 mit Hausplatz, Garten und Gebäude unten im Dorf am Bach. Gleichzeitig übernahm er die danebenliegende Parzelle N° 1848A. Auf Verlangen des neuen Eigentümers Mathäus Michel wurden die beiden Liegenschaften vereinigt und unter der neuen No. 5321 eingetragen. Grösse: 1/8 Jucharten  & 1/16 Jucharten Zugang gegen Morgen (Total rund 675 m2). Diese Liegenschaft befand sich im Bereich des heutigen Pärkleins beim Girard-Kreisel. Die Schatzung vom 19. November 1852 lautete auf den Betrag von 9’000 Lti (Livres tournois, damals entsprach 1 Schweizer Franken etwa 1,5 Lti).

So wurde dazumal die Lage obiger Parzelle beschrieben:

Morgen: neben der Dorfgass / Abend: neben dem Dorfbach / Mittag: an die Dorfgass /         Mitternacht: an Viktor Rüefli ?

Der Kauf der Liegenschaft wurde, wie es zu jener Zeit üblich war, zu 100% mit Hypotheken von privaten Personen oder Institutionen finanziert. Banken waren noch keine im Spiel. Diese Hypotheken wurden später entsprechend den Möglichkeiten der Eigentümer getilgt oder bei einem Verkauf weitergegeben.

Mathäus Michel erhielt vom Gemeinderat Grenchen die Niederlassungsbewilligung. Die Solothurner Regierung sprach ihm am 2. Juni 1852 zudem ein Wasserfallrecht zu, um die Uhrenfabrikation zu betreiben. Mathäus Michel gründete eine Triebwerkfabrikation und erweiterte zu diesem Zweck die bestehende Liegenschaft.

Etwas später wurde die Liegenschaft mit „Gebäude Nr. 5 / Uhrenfabrik / Holz- & Waschhaus und Stallung“ beschrieben. Der Versicherungswert betrug insgesamt 11’600 Fr.. 

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Der ehemalige Dorfbach unten im Dorf [Stadtarchiv Grenchen]
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Bachstrasse [Stadtarchiv Grenchen]
Mathäus war auch als Weckerfabrikant bekannt.

Hr. Michel, Uhrenmacher in Grenchen, hat einen Wecker erfunden, der beim ersten Feuerausbruch die Bewohner eines Hauses aufweckt. Die sehr zweckmässige Einrichtung soll darauf beruhen, dass durch die verschiedenen Theile des Hauses Schnüre gezogen werden, welche bei einem allfälligen Feuerausbruch verbrennen und den Wecker so zum Losgehen veranlassen. [Solothurner Landbote, 1853, Seite 124]

In den Jahren 1855 bis 1859 kaufte Mathäus Michel vier Stücke Mattland: N° 5521 „Vom Leusenmoos“, „N° 4819 vom vordern Moos in Müllers Plätz„, N° 5608 im „Siechenmoos“ sowie N° 1470/5695 „Im Einschläglein“ im Umfang von 5 Jucharten oder 200’000 Quadratschuh. Zwischen 1860 und 1864 verkaufte er diese Grundstücke alle wieder.

1856 brach jedoch der Krimkrieg aus, der ganz Europa in Atem hielt, Handel und Industrie lahmlegte und das Uhrengeschäft zum Stocken brachte. Zudem war die Konkurrenz der Firma Japy Frères in Beaucourt sehr stark.

Mathäus Michel musste sich wohl nach einer neuen Erwerbsquelle umgesehen haben. 1857 erschien er als Miteigentümer der Firma  Stelli Schilt & Cie., welche die obere Mühle in Grenchen übernahm. Die Besitzung beinhaltete eine Wohnung samt Scheune und Mühle, deren vorherige Besitzer waren Franz Schilt (Ammann), Anton Schilt (Garnbucher) und Franz Kessler.

Laut Hypothekenbuch waren Ende 1857 als neue Eigentümer eingetragen: Stelli Schilt & Cie, in Grenchen, bestehend aus Johann Stelli (Bezirkslehrer), Franz Josef Schilt (Arzt), Johann Blaser (Schreiner), Mathäus Michel (Fabrikant), alle in Grenchen und Urs Josef Stelli Josef’s selig, sowie Victor Stelli Viktor’s von Bettlach. Der Wert betrug damals 18’000 Franken. Mathäus Michel agierte wohl als eine Art Geschäftsführer. Er verkaufte die bestehenden Mühleeinrichtungen und liess diese durch eine Zementmühle ersetzen. Später wurde die Beschreibung der Liegenschaft in „Wohnung, Scheune und Cementfabrik“ angepasst. Die Schatzung betrug 1860 17’000 Franken.

Inserat:Verkauf Mühleinrichtungen

Auf der Weide des Obergrenchenberges gegen den Bützenschwand hin wurde eine Kalksteingrube zur Herstellung von Zement ausgebeutet. Die Blöcke wurden mit Wagen, deren Räder von alten Kanonen herrührten, zu Tale geschafft. Als Zugtiere diensten jeweils vier Stiere und zwei Pferde. Da die Ladung sehr schwer war, wurde als Bremsvorrichtung ein mit grossen Kalksteinplatten beschwertes Brett gebraucht, abgesehen von den eigentlichen Bremsen und den Schleiftrögen (Hemmschuhen). Bei der Zementmühle wurden die Steine abgeladen. Der Käserei gegenüber erhob sich ein grosser Schuppen, in den die gefüllten Zementsäcke eingelagert wurden.

Ab Mitte 1862 waren Johann Stelli, Viktor Stelli, Urs Josef Stelli und Mathäus Michel Inhaber der Firma, welche bis 1864 „Stelli Michel & Cie., Cement- und Gipsfabrikation“ hiess. Zu dieser Zeit wurde Mathäus Michel im Hypothekenbuch bereits als Wirt bezeichnet. 1864 verkaufte Mathäus Michel seinen Anteil von 4’500 Franken an Otto Buss.

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Briefkopf einer Rechnung [Sammlung Hans Kohler]

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Auszug Wasserversorgungsplan [Stadtarchiv Grenchen]
1866 trat Rudolf Zumstein in die Firma ein, welche danach unter „Stelli, Zumstein & Co.“ weiterhin Zement herstellte. Die Zement-Mühle wurde 1873 durch Rudolf Zumstein in eine Uhrenfabrik, später die Société d’horlogerie de Granges, umgebaut.

Mathäus Grundstücke unten im Dorf kompr
Situationsplan der Liegenschaften von Mathäus Michel im Unterdorf [Grenchner Stadtarchiv] Fabrik ab 1852, Neues Grenchenbad ab 1862, Uhrenatelier ab 1872
1860 verkaufte Mathäus Michel seine 1852 erworbene und später erweiterte Liegenschaft mit der kleinen Fabrik an den Uhrmacher Charles-Auguste Grandjean-Perrenoud zum Preis von 23’600 Fr. Die Gebäude waren für 11’600 Fr. „assecuriert“.

Am 3. Dezember 1860 erwarb  er ein grosses Grundstück von 1 Jucharte im Ober Hallgarten am Staadweg, der heutigen Bahnhofstrasse. Auf dem Grundstück stand ein grosses mit Stroh gedecktes  Wohnhaus N° 51 mit einer Schatzung von 1835 im Betrag je 1’450.-. Offenbar war das Haus in zwei Hälften aufgeteilt. Er bezahlte dafür je 4’800 Franken. Zu den vorhandenen Hypotheken gewährte der vorherige Besitzer Urs Joseph Affolter eine weitere Hypothek von 2’016 Franken. Bis im Januar 1862 konnte Mathäus Michel alle Hypotheken im Betrag von 5’472 Franken tilgen. Gemäss Gemeinderatsprotokoll vom 4.12.1862 wurde „Dem Michel Lehrmeister 5/4 Klafts als Gabenholz betrefnis 1862 bewilligt“ für den Bau der neuen Gaststätte.

In den Jahren 1861 und 1862 kauft Mathäus Michel zudem vier andere Parzellen Mattland im Umfang von 2 ½  Jucharten N° 3313 in der „Grenchenwiti beim Birchweg“, N° 3314 „Witi“ (diese zwei Flächen wurden später zusammengelegt),  N° 2915 „Riedern oben“ sowie N°5324 „zu Müllers Einschlag“. Die vier Parzellen dienten wohl zur Selbstversorgung seiner Gaststätte.

Auf dem Grundstück  an der Bahnhofstrasse realisierte er auf einem hufeisenförmigen Grundriss das Bad Hallgarten, später das Neue Grenchenbad genannt, mit acht Logis, zwei grossen Speise- und Tanzsälen, Trink- und Bierhalle, Badanstalt mit sieben Räumen und hinreichendem Wasser, Hof mit Baum-, Pflanz- und Ziergarten und dazu noch zwei Kegelbahnen. Es galt als Luft- und Badeort. Dafür nahm Mathäus Michel bis 1867 laufend neue Hypotheken im Gesamtbetrag von 43’070 Franken auf. Da er schon 1864 als Wirt bezeichnet wurde, ist anzunehmen, dass er das Lokal unter Betrieb erweiterte.

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Das Neue Grenchenbad im Jahr 1904 [Sammlung Hans Kohler]
Hier kam 1865 auch Adolf Michel (später Gründer der Uhrenfabrik A. Michel) als eines von elf Kindern aus der zweiten Ehe zur Welt.

Der Betrieb lief wohl nicht besonders gut, denn bereits 1867 versuchte Mathäus Michel die Wirtschaft „wegen Familienrücksichten“ zu verkaufen.

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Steigerungspublikation (Sammlung Hans Kohler)

Offenbar erfolglos, denn das Neue Grenchenbad sowie die vier Grundstücke Mattland von Mathäus Michel wurden am 4. Juni 1868 infolge Konkurs (Geldstag) versteigert. Für  Fr. 43‘035.10 übernahmen die Herren Soutter den Betrieb, 1875 schliesslich übernahmen die Herren Josef Gschwind, Weissensteinwirt, und Basil Roth, Bankier von Solothurn die Liegenschaft für 46‘000 Fr.

Von Solothurn herkommend arbeitete Mathäus Michel ab 1872 wieder in Grenchen als Uhrmacher im eigenen Atelier an der Schlachthausstrasse, fast gegenüber dem Neuen Grenchenbad. Gemäss Grundbucheintrag trat 1870 seine Frau Elisabeth Michel – Andres als Käuferin der Liegenschaft auf und Mathäus Michel wurde darin als „Falliten“ Ehemann bezeichnet. Elisabeth Andres in der Umgebung noch drei weitere kleine Grundstücke. Zusammen betrug die Fläche 16’967 Quadratschuh respektive 1’530 m2. Dort beschäftigte Mathäus mindestens bis 1877 mehrere Arbeiter und bildete Lehrlinge aus. Die Liegenschaft wurde 1891 an Dr. Gregor Wittmer verkauft. Spätestens zu diesem Zeitpunkt, Mathäus war da 80 Jahre alt, stellte Mathäus seine Arbeit ein. 

Trotz der zunehmenden Tendenz, die Produktion in Fabriken zu konzentrieren, bestanden bis in die 1880er Jahre zahlreiche Ateliers, die wohl als Zwischenmeisterbetriebe funktionierten. Da kaum anzunehmen ist, dass die Atelierschefs selbständig für den Markt produzierten werden sie vielmehr in Grenchen selbst oder im Jura ihre Verleger (Etablisseure) gehabt haben, die Ihnen das Material lieferten und denen die fertige Arbeit zugeschickt wurde.

1889 meldete Mathäus Michel ein Patent für einen „Federnden Schlagklotz für Küchenzwecke“ an. Auch ein weiterer Sohn, Carl, wurde bekannt als eigenständiger Mechaniker und meldete zahlreiche Patente an.

Mathäus Michel starb im für damalige Verhältnisse hohen Alter von 82 Jahren 1893 in Biel. Seine zweite Frau Elisabeth Andres starb mit 63 Jahren 1895.

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