Urs Joseph Roth

Urs Roth wuchs in Welschenrohr auf und besuchte die dortigen Volksschulen. Etwa von 1876 – 1878 besuchte er das Lehrerseminar in Solothurn. Zu dieser Zeit war ein anderer Welschenrohrer, Peter Gunzinger, Seminardirektor in Solothurn.

Ab 1878 bis 1882 war er Lehrer in Bettlach, danach bis zu seinem Hinschied im Jahr 1928 Lehrer in Grenchen. Insgesamt war er also 50 Jahre lang als Lehrer tätig. Früher gab es keine Altersrente, weshalb gearbeitet wurde, so lange es die Gesundheit zuliess.

Lehrerschaft von Grenchen 1885, in der hinteren Reihe, als vierter von links steht Urs Roth [Foto: Stadtarchiv Grenchen, F008-321]

Schon früh zeigte Urs Roth sein Interesse an der Primarschule Grenchen. Gemäss den Visitenbüchern [Stadtarchiv Grenchen] besuchte er mehrmals den Unterricht in Grenchen.

In den Jahren 1898 und 1899 unterrichtete Urs Roth an der 5. respektive 6. Klasse, wobei Adolf Gschwind einer seiner Schüler war [Erinnerungen eines ETA-Arbeiters, Zeugnis von A. Gschwind].

In den Verwaltungsberichten der Gemeinde Grenchen ab 1913 werden auch die Schulen ausführlich behandelt. So ist daraus zu entnehmen, dass ein Primarlehrer zwischen 50 und 70 Schüler und Schülerinnen in einer Klasse hatte. Da muss eine gute Disziplin geherrscht haben!

Im Jahr 1917 betrug der Primarlehrerlohn von Urs Roth Fr. 3’512.50 pro Jahr inklusive Wohnungsentschädigung und Teuerungszulage, 1918 bereits 4’525.-.

Vorderste Reihe, Dritter von Rechts Urs Roth [Heimatsammlung Kohler, Stadtarchiv Grenchen]

Zusatzverdienst

Der Lohn als Lehrer war sehr niedrig. Das Doppelverdienen und ein grosser Hausgarten zur Eigenversorgung waren damals bittere Notwendigkeit, besonders für Schulmeister und andere Gemeindeangestellte [Ein Bauerndorf wird Industriestadt, Seite 36].

Diesen Zusatzverdienst sicherte sich Urs Roth als nebenberuflicher Agent der „Schweizerische Unfallversicherungs-Aktiengesellschaft in Winterthur“, indem er 1895 die Stelle des Lehrers Fr. Allemann, Solothurn, übernahm. Die Agentur Grenchen unterstand der Subdirektion Bern. Walter Roth, Urses Sohn, war vom April 1904 bis Ende Januar 1907 im Dienst der „Winterthur“ in Bern mit Buchhaltungs- und Kontrollarbeiten beschäftigt. Danach wechselte er vermutlich zur Agentur Grenchen, denn diese wird in den Jahren 1911 bis 1914 als Agentur „Urs Roth & Sohn“ bezeichnet. Ab 1920 wird die Geschäftsstelle dann als Hauptagentur bezeichnet. Im Verzeichnis des Jahres 1921 ist Urs Roth durchgestrichen und durch „Häsler“ ersetzt [Mail-Information AXA-Winterthur]. Ernst Häsler war der Schwiegersohn und mit Lisa Roth verheiratet.

Familie

Stammbaum der Familie Urs Joseph Roth mit Kindern und deren Ehegatten

1884 heiratete Urs Roth in Grenchen Anna Häfeli von Mümliswil. Der Ehe entsprangen von 1885 bis 1894 sechs Kinder, wobei eine Tochter bald nach der Geburt starb. Über Walter Roth schreibe ich in einem weiteren Verzeichnis.

Im Jahr 1927 wird in den Verwaltungsberichten von Grenchen unter der Rubrik Stellvertretungen erwähnt, dass der Regierungsrat am 19. September wegen Erkrankung des Herrn Urs Roth die Stellvertretung der Klasse V A dem Herr Erwin Sieber übertragen hat. Am 2. Oktober 1928 wählte dann der Regierungsrat provisorisch einen neuen Stellvertreter. Offenbar war die Krankheit von Urs Roth so schwer, dass eine Wiederaufnahme der Lehrertätigkeit ausgeschlossen war.

Schwestern Roth

1910. 4. August. Aline, Ella, Lisa und Maria Roth, Lehrers, von Welschenrohr, alle in Grenchen, haben unter der Firma Schwestern Roth in Grenchen eine Kollektivgesellschaft eingegangen, welche am 1. Juli 1907 begonnen hat. Zur Vertretung der Gesellschaft sind allein befugt: Aline und Ella. Natur des Geschäfts: Weisswarengeschäft und Wäschefabrikation. Geschäftslokal: Bahnhofstrasse [Schweiz. Handelsamtsblatt]. Offenbar war das Verkaufslokal im Laden des väterlichen Hauses untergebracht.

1918. 28. November. Die Kollektivgesellschaft unter der Firma Schwestern Roth, Weisswarengeschäft und Wäschefabrikation, in Grenchen (S. H. A. B. Nr. 205 vom 9. August 1910), hebt die bisherigen Zeichnungsberechtigungen auf. Es sind nunmehr zu zeichnen befugt mit Einzelunterschrift: Aline Roth, Ursen, von Welschenrohr, in St. Moritz, und Lisa Häsler-Roth, Ehefrau des Ernst Häsler, Friedrichs, von Gsteigweiler (Kt Bern), in Grenchen.

1924. 27.Mai. Die Kollektivgesellschaft unter der Firma «Schwestern Roth», Weisswarengeschäft und Wäschefabrikation, in Grenchen (S. H. A. B. Nr. Nr. 205 vom 9. August 1910 und Nr. 284 vom 3. Dezember 1918), hat sich aufgelöst. Die Liquidation wird unter der Firma Schwestern Roth in Liquid, durch die bisherigen Gesellschafterinnen Fräulein Aline Roth und Frau Lisa Häsler-Roth, beide in Grenchen wohnhaft, besorgt, welche einzeln die rechtsverbindliche Unterschrift führen.

Ella Lehmann-Roth wohnte später in Bern und hat dort viele Näh- und Stickarbeiten für die Christkatholische Kirche in Bern ausgeführt.

Lisa und Ernst Häsler-Roth blieben bis 1927 in Grenchen. Offenbar betrieb sie das Weisswarengeschäft und Ernst die Agentur der Winterthur-Versicherung. Danach zogen sie ins Oberland und gründeten ein Comestibles Geschäft in Gstaad. Bald konnten sie auch ihr Eigenheim an der Grubenstrasse 60 bei Gstaad beziehen.

Wohnen

1892 konnte Urs Roth das Wohnhaus mit Scheune an der Bahnhofstrasse 16 von Frau Lucrezia Dorer, Witwe Schild, kaufen, welches 1883 erbaut worden war [Information von Frau Elsbeth Rita Studer, heutige Eigentümerin]. Noch im September 1928, kurz vor seinem Hinschied, reichte Urs Roth ein Baugesuch ein. Ziel war der Umbau des angebauten Holzschuppens in Backsteinmauerwerk und mit flachem Dach aus Beton und Einbau eines Badezimmers im 1. Stock.

Nach dem Tod von Urs Roth wurde das Haus von Sohn Walter Roth übernommen. 1932 reichte dieser ein Baugesuch für ein neues Waschhaus auf der Nachbarparzelle 3168 ein, welches wohl dem Mieter dienen sollte. Ob das Waschhaus auch als Bad benutzt wurde?

Roth eingezeichnet das geplante Waschhaus. Die Parzellen 3168 und 4151 sind heute nicht mehr so gross. [Grundbuch Stadt Grenchen]

Der letzte Mieter des Hauses unter Walter Roth war Fritz Ruprecht-Steiner, welcher ein Konditoreiwirtschaftspatent hatte. Nach dem Tode von Walter Roth 1934 wurde das Haus an die Familie Walter und Anna Studer-Oechslin verkauft. Heute befindet sich das Backcafe darin.

Bäcker Studer vor seiner Bäckerei-Conditorei an der Bahnhofstrasse 16 [Stadtarchiv Grenchen, F003]

Christkatholische Kirchgemeinde Grenchen

1881 wurde die Christkatholische Kirchgemeinde gegründet, wobei ab 1877 ein Christkatholischer Verein bestanden hatte. Von 357 stimmberechtigten Katholiken traten 116 der Christkatholischen Kirchgemeinde bei. Als erster Kirchgemeindepräsident wurde Adolf Schild, Fabrikant, gewählt. Bis 1895 zogen sich die Streitigkeiten zwischen den zwei Kirchen hin und führten mit Beihilfe der Solothurnischen Regierung schlussendlich zu einer Vermögensausscheidung [Werner Strub, Heimatbuch Grenchen, Seiten 459 – 461].

Am 27. Oktober 1912 wurde Urs Roth für die Periode 1912 – 1917 in den Kirchgemeinderat gewählt. Einige Themen, welche Urs Roth dort beschäftigten waren: Versicherung der Kirchenfenster gegen Beschädigung und der Werttitel gegen Diebstahl, Delegierter Synode 1913, Mitglied in der Kommission für ein neues Steuerreglement (der Steuersatz betrug 1/7 der Gemeindesteuern).

Während den Jahren 1918 bis 1926 amtete er als Kirchgemeindepräsident.

Schwerpunkte während dieser Zeit waren magere Kirchenbesuche, Probleme mit Pfarrern, Finanzknappheit (1. Weltkrieg und Nachkriegsjahre), ein grösserer Unterhaltsbedarf an Kirche und Pfarrhof. Ende 1927 konnte er noch den feierlichen Einzug der Glocken, in der Christkatholischen Kirche, zusammen mit denjenigen der reformierten Kirche, erleben.

Ende der 20-ger Jahre wurde deshalb über den Verkauf des Pfarrhofes beraten. Der Kirchgemeinderat stellte der Kirchgemeindeversammlung den Antrag, dass der Pfarrhof zu veräussern sei. Dem Pfarrer sei ein anderes Logis anzubieten, welches in der ehemaligen Villa Michel im ersten Stock bereits gefunden sei. Was dann 1930 auch umgesetzt wurde.

Vereine

Urs Roth war in zahlreichen Vereinen ua. im Männergesangsverein Grenchen 1886, in der Feldschützengesellschaft als Präsident und Vizepräsident des Gabenkomitees zum Fest des 40-jährigen Bestands im Jahr 1898 [Grenchner Volksblatt, 18. März 1898]. Auch für die Durchführung des Interkantonalen Schwing- und Aelplerfestes in Grenchen 1899 mit rund 140 erwarteten „wägsten und besten“ Schwingern stand Urs Roth im Organisationskomitee dem Gabenkomitee vor [Grenchner Volksblatt, 14. Mai 1899].

Urs Roth war in zahlreichen Vereinen ua. im Männergesangsverein Grenchen, in der Feldschützengesellschaft als Vizepräsident im Gabenkomitee zum Fest zum 40-jährigen bestehen im Jahr 1898. Gemäss der Festschrift zum Jugendfest Grenchen im Juli 1924 führten die Lehrer Roth und Lehmann mit den Klassen 6 a und 6b die Wiesenzwerge.

[Foto: Männergesangsverein Grenchen, Mitglieder 1886, Stadtarchiv Grenchen]

Nachrufe

Urs Joseph Roth starb im November 1928 in Saanen. Im Grenchner Verwaltungsbericht zum Schulwesen steht auf Seite 49, Buchstabe f) nachstehender langer Nachruf, welcher seine vielseitigen Tätigkeiten trefflich beschreibt:

Am 3. November verschied Urs Roth, Lehrer, der während 46 an unsern Schulen mit grossem Erfolg und seltenem Lehrgeschick gewirkt hatte. Im Mai des gleichen Jahres fand in seinem freundlichen Heim an der Bahnhofstrasse eine bescheidene Feier seines 50jährigen Dienstjubiläums statt. Nachstehend seien in einem kurzen Nekrolog seine Verdienste gebührend gewürdigt:

In der Nacht vom Samstag auf Sonntag entschlief sanft im Kreise seiner lieben Angehörigen unser Lehrer-Jubilar Herr Urs Roth. Nach Gstaad (Berner Oberland) war er vor kurzer Zeit verzogen und er hoffte in diesem Höhenkurort Linderung in seiner langwierigen Krankheit. Allein der unerforschliche Ratschluss betrachtete seine Zeit als erfüllt und sein Werk als vollendet. Mittwoch, den 7. November wird auf dem einsamen Bergfriedhof seine irdische Hülle bestattet. An der Beerdigung werden die Delegierten der Behörden und der Vereine Grenchens und die Abgeordneten der solothurnischen und Grenchner Lehrerschaft teilnehmen.

Im idyllischen Welschenrohr, wo die Industrie damals noch nicht Fuss gefasst hatte, wurde er als Sohn einfacher Bauersleute am 27. August 1859 geboren. Er durchlief die Volksschulen seiner Heimatgemeinde und kam dann ins Lehrerseminar nach Solothurn. Als junger Lehrer kam er nach Bettlach, wo er während vier Jahren wirkte und sich nebst der Schule der Hebung des gesellschaftlichen Lebens widmete. Er war da Dirigent der Musikgesellschaft und Regisseur verschiedener Theateraufführungen. Im Jahre 1882 kam er nach Grenchen, wo er alsbald als temperamentvoller Gesellschafter eine reiche Tätigkeit entwickelte. Sein karges Berufseinkommen in damaliger Zeit suchte er durch intensive Tätigkeit auf dem Gebiete der Versicherung zu vergrössern, was ihm ermöglichte, an der Bahnhofstrasse seiner Familie ein schönes Heim zu gründen. Als grosser Naturfreund hegte und pflegte er seinen grossen Garten und erlebte da im Kreise seiner lieben Familie glückliche Zeiten.

Wie in Bettlach, konnte man auch in Grenchen den allzeit frohen Gesellschafter nicht entbehren. Als eifriger Schütze gehörte er dem Feldschützenklub an. Er war auch Gründer des Veloklub, leitete verschiedene Gesangsvereine und war noch bis in sein hohes Alter aktiver Sänger des Männerchor Liederkranz. Vom Musikverein Helvetia, vom Turnverein, Veloklub und Liederkranz wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft verliehen.  Als einer der älteren Glieder der Familie Roth war er einer der nächsten Anwärter des Hans Roth’schen Ehrenkleides. Für seine liebe Schule schlug stets sein Herz und nur schwer konnte er sich, als ihn die tückische Krankheit erfasste, davon trennen. Im Jahre seines 50-jährigen Dienstjubiläums erfasste ihn das Leiden, von den er sich nicht mehr erholte. Still ist der Tod an sein Krankenlager getreten und bereitete dem arbeitsreichen Leben dieses 70-jährigen Schulmannes ein Ende. Er ruhe in Frieden. Seiner wollen wir stets gedenken.

Ein weiterer Nachruf aus Der Katholik 1928, Zeitschrift der Christkatholischen Kirche:

Gstaad. Am 7. November wurde in Gstaad die irdische Hülle des Herrn Urs Roth, gewesener Lehrer in Grenchen, zu Grabe getragen. Auf dem stillen Bergfriedhofe zu Saanen ruhen seine Gebeine von seiner grossen Lebensarbeit aus. Am 27. August 1859 in WeIschenrohr als jüngster von 10 Geschwistern geboren, kam er später ins Lehrerseminar nach Solothurn, amtete hierauf vier Jahre in Bettlach bei  Solothurn, um dann noch 46 Jahre in Grenchen als trefflicher Lehrer und geborener Erzieher zu wirken. Ueber 3000 Schüler sind zu seinen Füssen gesessen.

In jungen Jahren war er politisch als aufrechter Freisinniger sehr tätig, nahm regen Anteil am gesellschaftlichen Leben, als Sänger, Musiker, Schütze und Turner,  wo er überall hochgeschätzt war und in den betreffenden Vereinen zum Ehrenmitglied ernannt worden war.

Viele Jahrzehnte gehörte er dem christkatholischen Kirchenrate an, dessen Präsident er während 15 Jahren war. Man wird in der Gemeinde Grenchen seine Verdienste nicht vergessen.

Seit Ende 1926 kränkelte er,  im September 1927 musste er die Schule aussetzen, in der Hoffnung baldiger Genesung; er konnte noch sein 50jähriges Jubiläum im engen Kreise feiern, aber seine liebe Schule sollte er nicht wieder sehen können. Am.20. Oktober 1928 nahm er endgültig seinen Rücktritt; die zunehmende Krankheit brachte ihm schwere Wochen, welche ihm körperlich und seeIisch hart zusetzten, so dass der Tod schliesslich doch als Freund zu ihm kam.

Die Trauerfeier gestaltete sich zu einer Ehrenkundgebung. Pfarrer Kramis hielt die Abdankung in der reformierten Kirche Saanen, welche Herr Pfarrer Lauterburg brüderlich zur Verfügung gestellt hatte, und  sogar durch Orgelspiel an der Feier mitwirkte. Mehr als 40 DeIegierte  von Grenchen hatten die weite Reise gewagt, um dem Entschlafenen die letzte Ehre zu erweisen. Herr Kaus, Malermeister, sprach im Namen der Schulkommission und Gemeinde Grenchen, Herr Lehrer Probst im Auftrage des Lehrervereins und seiner Kollegen. Herr Gerichtspräsident Weingart aus Grenchen als Vertreter des  Männerchores  Liederkranz und des Musikvereins Helvetia, welche beide eine Delegation mit dem Vereinsbanner abgeordnet hatten, und als ehemaliger Schüler. Alle hoben die Verdienste des dahingeschiedenen Mitbürgers und Freundes hervor. Der Trauerfamilie unser herzliches Beileid!